Uwe Rüdel
Die Scheu verloren, Selbstbewusstsein gewonnen
Der folgende Text ist in der Bilanzbroschüre 2009 der Firma Würth, Premium Partner von SOD, im Januar 2010 erschienen. Mit freundlicher Genehmigung des Unternehmens wird das Porträt im Newsletter und auf der Website von Special Olympics Deutschland veröffentlicht.
Dieser Mann ist topfit. Kaum eine Sportart, die er nicht betreibt, kaum eine Herausforderung, der er sich nicht stellt. Uwe Rüdel schwimmt Brust, kickt und spielt Tischtennis. Der 49-jährige ist Mitglied im Reitverein. Triathlon begeistert ihn.
Leidenschaftlich fährt er Fahrrad. „Da bin ich gut“, sagt er, „sehr gut sogar“ und lacht. Seit über 20 Jahren lebt Uwe Rüdel im Bruderhaus Diakonie in Fluorn-Winzeln im Landkreis Rottweil, einer betreuten Einrichtung für Menschen mit Behinderung. Rüdel ist von Geburt an „behindert“, wie er selbst sagt. Geistig behindert. So kann er seinen Vor- und Nachnamen schreiben, „aber lesen kann ich nicht“.
Für seine Hobbies ist das nicht relevant. Da sind andere Techniken vonnöten. Zwei Mal pro Woche treibt Rüdel abends Sport, nachdem er seine Arbeit in der Hausmeisterei im Bruderhaus beendet hat. Meistens trainiert er mit Ehrgeiz, oft mit Ausdauer, immer aber mit Ellen Maier. Die Gymnastik- und Sportlehrerin betreut ihren Schützling seit über 20 Jahren und hat ihn auf mehrere Special Olympics Spiele vorbereitet. Die beiden waren bei den National Games in Karlsruhe dabei. Zurzeit bereiten sie ihre Teilnahme für die Nationalausscheidung im kommenden Jahr in Bremen vor. Das ist anspruchsvoll. Die Reglements der Special Olympics wurden analog der Olympischen Spiele gestaltet. Es gibt Qualifizierungen auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene. Nur wer diese Vorentscheidungen besteht, darf bei den Spielen dabei sein. Die nächsten Internationalen Special Olympics Sommerspiele finden 2011 in Athen statt.
Sport ist für Uwe Rüdel mehr als nur Bewegung. Mehr als Muskelaufbau, Ausdauer- und Krafttraining. Mehr als die Verbesserung seiner motorischen Fähigkeiten. Sport ist „eine ganz wichtige Motivationshilfe für den Alltag“, weiß Sportlehrerin Ellen Maier. Sport ist Beziehungsarbeit, dient dem Aggressionsabbau und spornt zu Leistungen an. Rüdel ist ehrgeizig. Er liebt es, auf dem Siegertreppchen zu stehen. Seine Gold-, Silber- und Bronzemedaillen hütet er wie kostbare Trophäen. Doch er sagt: „Beim Sport geht es um Teamgeist, Flairplay, Verantwortung und um Leistung. Aber ein vierter Platz muss auch gefeiert werden.“
Begegnungen in der Gemeinschaft sind wesentlicher Teil der Special Olympics. Rüdel erinnert sich an zahlreiche Wettkämpfe. An Sportstätten und Städte in fremden Ländern. An die Begegnungen mit zahlreichen Prominenten. Arnold Schwarzenegger, den Filmstar und kalifornischen Gouverneur, dessen Schwiegermutter Eunice Kennedy Shriver 1968 die Special Olympics ins Leben gerufen hatte, hat er in München getroffen. Dem Rennrodler Georg Hackl ist er begegnet und hat sich ein Autogramm ergattert. Mit Eberhard Diepgen, dem früheren Regierenden Bürgermeister von Berlin, hat er bei der Eröffnung der Nationalen Spiele im 2006 in der Bundeshauptstadt ganz unkompliziert geplaudert. Lebhaft erinnert sich Rüdel an die Begegnung mit dem Schwimmer Michael Groß, der in den 80er dreimal olympisches Gold gewonnen hatte. Und an viele, viele Wettkämpfe mit anderen Special Olympics-Athleten, Begegnungen mit deren Betreuern.
Kontaktfreudig ist er durch den Sport geworden, attestiert ihm Trainerin Ellen Maier. „Lasst mich gewinnen, doch wenn ich nicht gewinnen kann, so lasst mich mutig mein Bestes geben“, lautet der Eid der Sportler, die bei Special Olympics an den Start gehen. Für Uwe Rüdel ist dieser Eid zu seinem Lebensmotto geworden. Verloren hat er nur die Scheu vor Menschen. Gewonnen aber hat er sein Selbstbewusstsein.



